Forum für die Internationalistische Kommunistische Linke
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Der Artikel The Revolution and Beyond von Marlowe und JA zeigt exemplarisch, wie gut gemeinte linke Positionen durch theoretische Unklarheit in die Irre führen können. Wer die ökonomischen Grundlagen einer kommunistischen Gesellschaft ignoriert oder verzerrt, ebnet unbeabsichtigt der Konterrevolution den Weg. Die folgende Kritik legt offen, wieso der Text mehr Verwirrung stiftet als Orientierung gibt – und warum eine bewusste, planvolle Vergesellschaftung der Produktion unverzichtbar bleibt.
1. Wer sich nicht traut, Marx zu kritisieren, interpretiert ihn einfach
« According to Marx, the law of value would persist in the lower stage of communism, and only in the higher stage of communism would ‘society wholly cross the narrow horizon of bourgeois right…’ »
Zwar stellt Marx in der Kritik des Gothaer Programms klar, dass in der „ersten Phase“ der kommunistischen Gesellschaft noch „der enge bürgerliche Rechtshorizont“ vorherrscht, doch daraus folgt nicht, dass die Wertform – und damit das Wertgesetz – weiterhin existiert. Marx spricht vielmehr von einer Verteilung nach „gleichem Maßstab der Arbeit“, im Gegensatz zur Bewertung über den Markt – ein entscheidender Unterschied, der im zitierten Satz unterschlagen wird.
Marlowe und JA unterstellen, dass selbst ein auf Arbeitszeitrechnung basierendes Produktionsverhältnis noch dem Wertgesetz unterliegt, also jener unbewussten, marktvermittelten Regulierung, die für die kapitalistische Warenproduktion konstitutiv ist. Doch Marx beschreibt die „erste Phase“ des Kommunismus ausdrücklich als bewusste, gesellschaftliche Planung mit einem Äquivalenzprinzip in der Verteilung – jenseits von Eigentum, Warenform, Konkurrenz oder Tausch.
Dass die höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft dieses Äquivalenzprinzip durch »freie« Bedürfnisbefriedigung ablöst, ist seitens Marx keine Aussage über die Qualität der Produktionsweise in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, sondern über ihre materielle Begrenzung. Die Gleichsetzung des Äquivalenzprinzips im Rahmen der Arbeitszeitrechnung mit der Wertform ist daher ein grundlegender theoretischer Fehler.
2. Arbeitszeitrechnung – ein Mittel der Produzenten, nicht ihrer Vorhut
Ein zentraler Angriff des Textes richtet sich gegen die – auch von Marx und Engels vertretene – Auffassung, die individuelle Arbeitszeit als Maßstab für Planung und Verteilung zu nutzen:
« If we use the calculation of labor time (…) we will be borne back ceaselessly to the past of value production » Marlowe und JA
Diese Aussage basiert auf einem Missverständnis des Wertbegriffs. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob Arbeitszeit als Tauschwert im Markt erscheint – also als Preis –, oder ob sie auf der Grundlage vergesellschafteter Produktionsmittel bewusst als gesellschaftliches Rechenmaß dient, um Produktion und Konsum kollektiv zu gestalten.
Die bewusste Anwendung der Arbeitszeitrechnung ist nicht Rückfall in kapitalistische Logik, sondern ihr Gegenteil: Die Durchsetzung der individuellen Arbeitszeit als Maß für den Anteil am gesellschaftlichen Produkt hebt die Lohnarbeit auf und ersetzt die blinde Marktsteuerung durch transparente gesellschaftliche Planung. Arbeitszeit als Maß macht den gesellschaftlichen Aufwand für Güter und Dienstleistungen sichtbar und ermöglicht es, ihn ins Verhältnis zu den individuellen Bedürfnissen zu setzen. Wer das ablehnt, verweigert sich der entscheidenden Frage: Wie organisieren Menschen ihre Produktion selbstständig und rational – ohne Markt und ohne Staat?
3. Romantisierung von „Produktion nach Bedürfnissen“
« Production must be for human needs – bodily, communal, intellectual, and creative » Marlowe und JA
So richtig dieser Anspruch klingt, so leer bleibt er ohne ökonomisches Fundament. Bedürfnisse sind vielfältig, oft widersprüchlich und stehen im Verhältnis zur notwendigen Arbeit. In einer Assoziation Freier und Gleicher müssen die Individuen selbst die Möglichkeit haben in Bezug auf die gesellschaftliche Produktion entscheiden zu können, welche Bedürfnisse sie im Verhältnis zum dafür notwendigen Arbeitsaufwand befriedigen wollen. Die Berufung auf gesellschaftliche „Produktion nach Bedürfnissen“ bleibt abstrakt, da sie keine Antwort auf die Frage gibt, wie Bedürfnisse gesellschaftlich vermittelt, priorisiert und die dafür notwendigen Arbeiten praktisch organisiert werden. Anstelle einer tragfähigen materiellen Grundlage für kollektive Produktionsplanung tritt bei Marlowe und JA eine moralisch aufgeladene Rhetorik – gut gemeint, aber politisch fatal.
4. Wer soll rationieren – und mit welcher Legitimation?
„Die Nutzeffekte der verschiedenen Gebrauchsgegenstände, abgewogen untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen, werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab, ohne Dazwischenkunft des vielberühmten „Werts“.“ Engels [1].
Während Marx und Engels aus ihrer Kapitalismuskritik abgeleitet haben, dass in einer „Assoziation Freier und Gleicher“, der gesellschaftliche Aufwand direkt über Arbeitszeit zu erfassen wäre, bevorzugen Marlowe und JA ein diffuses Konzept von Rationierung:
„Rationing seems like a better choice – not least because it is not a calculation based on individual labor.”
Doch wer entscheidet über diese Rationierung? Nach welchen Maßstäben? Und mit welcher Legitimation? Die Ablehnung einer objektiven, kollektiv kontrollierbaren Rechengrundlage führt zu einem Vakuum, das entweder durch Bürokratie oder durch informelle Hierarchien gefüllt wird. Gerade eine Gesellschaft, die Markt und Staat überwinden will, braucht nachvollziehbare, überprüfbare Regeln – nicht deren bloße Negation.
5. Staatskritik – aber ohne ökonomische Grundlage
Marlowe und JA stellen richtig fest: „The state is not us.“ ; „The workers’ councils must never be overruled by the state.”
Diese klare Trennung von Räteorganisation und Staat ist zentral. Doch wie sollen die Räte wirtschaften? Wie organisieren sie Produktion, Distribution und Reproduktion? Der Text bleibt vage. Es wird von sofortiger Bedürfnisproduktion gesprochen, von spontaner Vergesellschaftung – aber nicht davon, wie diese praktisch und dauerhaft gestaltet werden soll. Die ökonomische Dimension der Selbstverwaltung bleibt unterbelichtet.
Fazit
Marlowe und JA missverstehen in „The Revolution and Beyond“ die marxsche Wertkritik. Sie setzen bewusste Planung mit kapitalistischer Wertproduktion gleich und entziehen sich jeder realistischen Antwort auf die Frage: Wie kann ein kommunistisches Produktionsverhältnis praktisch von den Gesellschaftsmitgliedern organisiert werden?
Die pauschale Ablehnung der Arbeitszeitrechnung schafft keine revolutionäre Klarheit, sondern theoretisches Chaos. Wo keine vermittelnde Struktur existiert, regieren Willkür oder neue Formen der Herrschaft. Wer den Kapitalismus überwinden will, muss das Problem der ökonomischen Vermittlung nicht moralisch umdeuten, sondern praktisch, transparent und kollektiv lösen. Die Arbeitszeitrechnung ist dabei kein Rückschritt, sondern ein Mittel zur Aufhebung der Lohnarbeit und zugleich zur bewussten Organisation einer freien Gesellschaft.
Von Hermann Lueer
Quellen : Arbeiterstimmen
[1] Friedrich Engels, Anti-Dühring, MEW 20, S. 287f.